Thüringer Jugendverbandsarbeit in Zeiten von Corona – Ein Rückblick auf das Jahr 2020 –

Thüringer Jugendverbandsarbeit in Zeiten von Corona – Ein Rückblick auf das Jahr 2020 –

Bei der nachfolgenden Ausarbeitung handelt es sich um eine Veröffentlichung der Arbeitsgemeinschaft der Örtlichen Jugendringe in Thüringen (AG ÖJT): Ilm-Kreis, Erfurt, Jena, Eichsfeld, Gera, Eisenach, Suhl, Altenburger Land, Greiz und Nordhausen.

Vorwort

Das Jahr 2020 hielt nicht nur für die Jugendverbände in Thüringen unvorhersehbare Herausforderungen bereit, sondern forderte von allen Menschen, egal ob jung oder alt, eine enorm hohe Anpassungsfähigkeit. Die Ursache hierfür ist uns allen bekannt: SARS-CoV-2.

Welche Auswirkungen und Kraftanstrengungen ein solches Virus, eine solche Pandemie von uns allen weltweit abverlangt, war uns im März 2020 noch nicht wirklich bewusst! Unvorstellbar, dass 2 Gramm Virus – so viel wiegt wohl die weltweite Gesamtmenge an CORONA-Viren – einen solch tiefgreifenden Einfluß auf unsere täglichen Gewohnheiten und Abläufe nimmt.

Keine Nation, keine Branche und auch kein gesellschaftliches Teilsystem wurde hier verschont! Insbesondere für unsere Kinder und Jugendlichen sind die Veränderungen ihrer Lebenswelt gravierend. Wie sich die Pandemie und ihre Langzeitfolgen auf die Bildungschancen, Beziehungsfähigkeit, (digitale) Chancengleichheit und den seelisch emotionalen Zustand unserer jungen Menschen auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Wie die Thüringer Jugendringe und ihre Mitgliedsorganisationen ihre Arbeit unter dem Einfluss des Virus angepasst und Kindern und Jugendlichen trotz widriger Umstände halt gegeben haben, soll die nachfolgende Ausführung skizzieren.

Die Veröffentlichung genießt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber in der Rückschau eine Momentaufnahme geben und die damit verbundene Arbeit der Thüringer Jugendverbände verdeutlichen.

Befragung & Themen

Die Befragung richtete sich an alle 12 Mitglieder der örtlichen Jugendringe in Thüringen. Mit einer Rücklaufquote von 83,33 % haben 10 von 12 Jugendringen ihre Arbeit in Zeiten von Corona reflektiert und zu “Papier” gebracht.

Die Befragung wurde über ein Online Erhebungsinstrument (surveymonkey) verteilt und beinhaltete 10 Fragen, welche sich mit nachfolgenden Themenkomplexen auseinander setzte:

1. Struktur der Jugendringe

2. Ferienangebote unter CORONA 2020

3. Zielgruppen & Erreichbarkeit

4. Ehrenamt und CORONA

5. Anpassungsfähigkeit der Jugendverbände

6. Wünsche & Hinweise an die Politik

Ergebnisse & Auswertung

Die an der Befragung teilgenommenen zehn Jugendringe repräsentieren insgesamt 207 Mitgliedsorganisationen, welche sich im Bereich der Kinder- & Jugendarbeit ansiedeln und mehr als 1.800 ehrenamtlich Engagierte beschäftigen und zum Wohle der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Ein starkes Signal für Zivilgesellschaft, wie wir finden.

Im Jahr 2020 wurden trotz enormer Auflagen im Bereich Hygienekonzepte, Lebensmittelversorgung, Kontaktnachverfolgung, Nachweis Symptomfreiheit und eingeschränkter Öffnung von Einrichtungen wie bspw. Freizeitparks zahlreiche Ferienangebote durch die Jugendverbände realisiert.

Mit Ideenreichtum wurden alternative Angebote von heute auf morgen entwickelt und an die Auflagen angepasst. So wurden keine langen Freizeiten mit Übernachtungen, wie all die anderen Jahre, sondern Tagesangebote mit festen Gruppen entwickelt und durchgeführt . Der Aufwand bei einer solchen Form der Angebotsgestaltung ist enorm und weitaus höher als längere Ferienfreizeiten, da hier täglich umdisponiert und neu organisiert, die Hygienestandards kontrolliert und entsprechende Dokumentationen erhoben werden mussten.

So realisierten trotz strenger Auflagen alle Jugendringe Ferienangebote, wobei 9 unserer Jugendringe mit ihren Mitgliedsorganisationen sowohl Sommer- als auch Herbstferienangebote initiierten, während nur ein Jugendverband ausschließlich Sommerferienangebote umsetze.

Der Aufwand und das Engagement der Jugendringe hat sich in unseren Augen absolut ausgezahlt. Es wurden in Summe mehr als 600 Tagesangebote mit festen Gruppenstrukturen entwickelt, geplant und umgesetzt, bei denen insgesamt gut 2.800 Kinder und Jugendliche erreicht wurden.

Die Angebote reichten von Ausflügen in die Natur bis hin zu digitalen Schnipseljagden per App durch die einheimische Stadt und haben in Zeiten von sozialer Distanz unseren jungen Menschen ein bisschen an Normalität und Freude gebracht. Auch für das ein oder andere Kind war das Tagesangebot eine wichtige Möglichkeit, um aus schwierigen Umständen daheim mal Abstand zu gewinnen und in das Gespräch mit den Pädagog*innen zu gehen. Leben doch laut aktuellen Statistiken in Deutschland gut 2 Mio. Kinder in Familien mit Sucht- und Gewaltproblematiken.

In Zeiten des Lockdowns, bekräftigen wir unsere Landesregierung bei ihrer Bestrebung, die Kinder und Jugendarbeit vor Ort weiterhin für junge Menschen zugänglich zu lassen, um für sie ein Ankerpunkt in schwierigen Lebenslagen zu sein und bestmögliche Unterstützung und Hilfsangebote einzuleiten bzw. zu vermitteln. Aber die Gesamtgemengelage birgt weitere Tücken und Grenzen mit sich…

Die Herausforderungen für die Jugendverbände waren nicht nur die schnelle Reaktion auf die Umstellung von Ferienangebote sondern verlangte weitaus mehr Anpassungs- und Innovationsfähigkeit von uns ab. So wurden Regelangebote in online-Formate überführt, digitale Infrastruktur selbst geschaffen, völlig neue Angebote coronakonform entwickelt, Homeoffice, Videokonferenzen, Zusammenarbeit in Echtzeit realisiert und die Koordination von mehr als 1250 beschäftigten Ehrenamtler*innen in den Jugendverbänden Ad hoc organisiert. Ohne Planungssicherheit und ohne zu wissen, was der morgige Tag an neuen Verordnungen, Regelungen oder Auflagen bringen wird. Aber während ganze Industrien und Konzerne nach dem Purpose (Sinn) in ihrer Arbeit suchen, war unser Antrieb immer klar: Wir helfen in jeder Situation und lassen keinen zurück!

Unsicherheit und Angst waren auch Begleiter der für uns alle neuen (Extrem-)Situation, ohne das diese uns lähmte, aber sie war da…

Wie gestalten wir die Zugänge zu den jungen Menschen, die seit Ausbruch von Corona nicht mehr an unseren Angeboten teilnehmen?

Wie schützen wir unsere älteren Kolleg*innen und Ehrenamtler*innen vor einer Infektion?

Wie soll ich die neue digitale Infrastruktur zur Kontakthaltung finanzieren?

Wer richtet diese ein? Was ist mit dem Datenschutz? Wer bezahlt die Lizenzen? Wer administriert?

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen, die kein einfaches, kein Sicheres Zuhause haben und den Weg nicht mehr zu uns in die Einrichtung finden…?

Viele Fragen, auf die wir immer passende Antworten gefunden haben und finden werden. Welche konkreten Folgen das für unsere jungen Generationen tatsächlich haben wird, ist noch schwer abzuschätzen und wie lange es dauern wird, bis wir wieder ohne Auflagen agieren können auch. Aber sicher ist, dass hier auch die (Sozial-)Politik neu gefordert

werden muss! Corona hat wie ein Brennglas unsere Versäumnisse der letzten Jahre schonungslos offen gelegt. Fehlende Förderprogramme zur Anschaffung und Erforschung neuer Technologien in der Arbeitspraxis, mangelnde Wissensvermittlung digitaler Skills und Kompetenzen in der Ausbildung von Sozialarbeiter*inen, undurchsichtige Softwarevielfalt ohne entsprechende Empfehlungen, bis hin zur privaten Finanzierung von Corona Tests der in der Jugendarbeit beschäftigen Mitarbeiter*innen. Hier ist zukünftig noch einiges zu tun und nachzuholen, auch das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend & Sport, mit Schreiben vom 08.02.2021, die “Anerkennung von Kosten der Testung für PoC –Antigen-Schnelltests bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen der örtlichen Jugendförderung – Anerkennung als Sachkosten in der Richtlinie örtliche Jugendförderung” zugesichert hat. Ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung für die geleistete Arbeit! Wehmutstropfen bleiben allerdings unsere unzähligen Ehrenamtler*innen, welche nicht für Tests vorgesehen sind und es auch keine Bestrebungen für schnelle Testmöglichkeiten junger Besucher*innen der Angebote gibt.

Das die Jugendverbandsarbeit, Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit durch das Land als wichtiges systemrelevantes Arbeitsfeld klassifiziert wurde, wird auch durch die Jugendringe in Thüringen unterstrichen. Bei der Frage, wie wichtig aus unserer Sicht die Angebote für Kinder & Jugendliche in Zeiten von Corona sind antworteten 87,5% der Jugendringe (9) mit sehr wichtig (systemrelevant) und ein Jugendring mit wichtig (12,5%). Was eine Gewichtung von 4,9 bei 5 möglichen Stufen ergibt (siehe Bild oben).

Bleibt festzuhalten, dass die Jugendringe und ihre Mitgliedsorganisationen auf der einen Seite einen wichtigen Beitrag in Zeiten von Corona für unsere jungen Generationen geleistet und auf der anderen Seite mit Kreativität, Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit neue Technologien und Lebenswelten erkundet und ergründet hat!

Um unsere Arbeit in Zeiten von Corona sicherer und die vom Bund und Land verhängten Verordnungen für die Praxis alltagstauglicher realisieren zu können, bedarf es allerdings der Einbindung der Fachkräfte und vor allen Dingen der Kinder und Jugendlichen. In Zeiten digitaler Umfragen sollte eine Partizipation und Berücksichtigung der Zielgruppen für ein Bundes- bzw. Landesministerium keine Herausforderung darstellen! Letztendlich steht die Umsetzung des e-Government Gesetzes auf dem Plan, bei dem Kundenzentrierung das A und O sein sollte.

Da aktuell kein Ende der Maßnahmeeinschränkungen in Sicht ist und wir unsere Arbeit/Angebote weiterhin noch besser und sicherer für alle gestalten wollen, haben wir hier noch kurz unsere Wünsche skizziert, welche auch als Hinweise für die Thüringer Landesregierung zu verstehen sind:

Digitale Lebenswelten & Jugendarbeit

● Aufnahme der Jugendarbeit in die Digitalisierungsstrategie Thüringens (RIS4)

● Bereitstellung digitaler Tools & Technologien durch das Land

● finanzielle Förderung sozialer Träger im Bereich der Kinder- & Jugendarbeit zur Digitalisierung (Transformation) der Arbeit, Angebote und Aufbau- bzw. Ablauforganisation

● Ausbau der technischen Infrastruktur in Objekten/Projekten der Jugendverbands- und Jugendarbeit (Förderprogramme)

CORONA & Jugendarbeit

● explizite Aufnahme der Kinder- & Jugendarbeit in den CORONA-Stufenplan der Landesregierung Thüringen

● kostenfreie Testkontingente für Ehrenamtler*innen der in der Kinder- & Jugendarbeit

● kostenfreie Schnelltests für die jungen Besucher*innen unserer Angebote

● Klarheit im Vorgehen einer positiven Infektion von Personal und/oder Jugendlichen im Kontext der Jugendarbeit (Handlungsleitlinien)

● stärkere öffentlichkeitswirksame Verbreitung von Seelsorge-Nummern (online/offline)

● Ausbau der technischen Infrastruktur in Objekten/Projekten der Jugendverbands- und Jugendarbeit (Investitionen)

● kindgerechte aufbereitete Informationen und Materialien zur Pandemie (CORONA)

● Klärung von Haftungsfragen bei Ehrenamtler*innen

● Entbürokratisierung und Minimierung des Dokumentationsaufwandes während der Pandemiezeit

● Befragung junger Menschen und Berücksichtigung deren Problem- und Lebenslagen bei Verordnungen zur Eindämmung der Corona Pandemie

(Thüringen, den 22.02.2021 – 15:55 Uhr)

AG Örtliche Jugendringe Thüringens:

Stadtjugendring Eisenach | Netzwerkstelle Jugendarbeit-LK Greiz | Kreisjugendring Gotha | Jugendring Eichsfeld | Kreisjugendring Nordhausen | Kreisjugendring Saale-Orla-Kreis | Stadtjugendring Erfurt | Demokratischer Jugendring Jena | Stadtjugendring Suhl | Kreisjugendring Altenburger Land | Stadtjugendring Gera | Kreisjugendring Ilm-Kreis e.V.



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