Offener Brief zu Thüringer Orientierungsrahmen der Thüringer Landesregierung aus Sicht der örtlichen Kinder- u. Jugendarbeit

Offener Brief zu Thüringer Orientierungsrahmen der Thüringer Landesregierung aus Sicht der örtlichen Kinder- u. Jugendarbeit

An:
Thüringer Minister für Bildung, Jugend und Sport Minister
Herr Helmut Holter
Werner-Seelenbinder-Straße 7
99096 Erfurt
per E-Mail: poststelle@tmbjs.thueringen.de

Offener Brief zum Thüringer Orientierungsrahmen der Thüringer Landesregierung aus Sicht der örtlichen Kinder- und Jugendarbeit

Sehr geehrter Herr Holter – sehr geehrter Herr Minister für Bildung, Jugend und Sport, sehr geehrte Damen und Herren,

Der Thüringer     Orientierungsrahmen und     der Stufenplan      Corona-Maßnahmen müssen dringend um eine Strategie für die Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen ergänzt werden.

Kinder- und Jugendarbeit auch unter Covid-19 wichtige Anlaufstelle für junge Menschen

Seit dem ersten Lockdown hat die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit geöffnet. Seit Oktober 2020 befindet sie sich auf Stufe GELB.1 Derzeit finden Beratungsgespräche für Einzelpersonen sowie Öffnungszeiten und Hausaufgabenangebote für Kleingruppen mit Corona-Kontaktbogen, Abstand, Mund-Nasen- Schutz und Bestätigung der Symptomfreiheit durch die Sorgeberechtigten statt. Während der Sommerferien 2020 wurden eine Vielzahl von Ferienbetreuungsangeboten organisiert um Eltern zu entlasten (Kitas und Horte waren geschlossen). Die Angebote werden von hauptamtlichen Fachkräften der Kinder- und Jugendarbeit und im Bereich Jugendverbandsarbeit von ehrenamtlichen Gruppenleiter*innen (mit JuLeiCa) getragen. Jeder Träger/Verband hat ein Infektionsschutzkonzept für seine Einrichtung vorliegen.

Viele Träger und Verbände berichten, dass sich die pädagogische Arbeit unter Covid-19 intensiviert hat und vor allem die Alltagsprobleme junger Menschen (Probleme beim Homeschooling, Isolation unter Corona, familiäre Konflikte) auch in der Kinder- und Jugendarbeit stärker aufgefangen werden müssen. Wir möchten unter den gegenwärtigen Bedingungen sichere Freiräume für junge Menschen ermöglichen, Ansprechpartner*innen bei Problemlagen junger Menschen sein und Eltern entlasten.

Es braucht eine Strategie des Landes Thüringens für die Kinder- und Jugendarbeit unter Covid-19

Wir begrüßen es, dass das Land Thüringen erkannt hat, was für eine wichtige Rolle die Kinder- und Jugendarbeit auch während der SARS-CoV-2-Pandemie für die Gesellschaft spielt und dass die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit und

Jugendsozialarbeit geöffnet haben dürfen. Gleichzeitig fehlen klare Regelungen zur Kinder- und Jugendarbeit in folgenden Bereichen:

  • Bereits seit dem Sommer 2020 sind wöchentliche freiwillige Testungen für Lehrer*innen, Erzieher*innen und Schulsozialarbeiter*innen möglich – die Kosten werden vom Land Thüringen übernommen. Dies gilt bis heute nicht für die Fachkräfte und ehrenamtlichen Gruppenleiter*innen der Kinder- und Jugendarbeit.2
  • In der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 vom 08.02.2021 (Coronavirus-Impfverordnung – CoronaImpfV) des Bundesministeriums für Gesundheit sind auch in der Kinder- und Jugendhilfe tätige Personen unter § 4 Schutzimpfungen mit erhöhter Priorität aufgeführt: „Personen, die in Kinderbetreuungseinrichtungen, in der Kindertagespflege, in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und als Lehrkräfte tätig sind“. Im Thüringer Orientierungsrahmen wird hingegen nur eine Impfstrategie für Erzieher*innen und Lehrer*innen explizit benannt.
  • Der Stufenplan Corona-Maßnahmen der Landesregierung Thüringen vom 09. Februar 2021 enthält keinen Stufenplan für die Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen.
Eckpunkte einer Strategie für die Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen

Wir möchten unsere Arbeit auch unter der Covid-19-Pandemie weiterführen und dabei den gesundheitlichen Schutz unserer Fachkräfte, Ehrenamtlichen und jungen Menschen gewährleisten. Dazu braucht es:

Erarbeitung eines Stufenplans für die Kinder- und Jugendarbeit und Aufnahme dieses Stufenplans in den Stufenplan Corona-Maßnahmen der Landesregierung Thüringen.
  • Hierbei ist es wichtig, regionale Differenzen im Infektionsgeschehen angemessen zu berücksichtigen (v.a. die örtliche Kinder- und Jugendarbeit spielt sich lokal ab / geringe regionen-übergreifende Mobilität).
Die Berücksichtigung des Kindeswohls und der Kindesentwicklung sowie der belastenden Situation der Familien
  • Daraus leitet sich die Priorität ab, Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit offen zu halten. Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit sind wichtige Vertrauens- und Ansprechpersonen für junge Menschen in Problemlagen – das haben unsere Erfahrungen der letzten Monate noch einmal bestätigt.
Den Schutz aller Beschäftigten und ehrenamtlichen Gruppenhelfer*innen in der Kinder- und Jugendarbeit
  • Organisation eines Testsystems, das wöchentliche freiwillige Testungen für Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit und ehrenamtliche          Gruppenhelfer*innen der Jugendverbandsarbeit ermöglicht
  • Eine Impfstrategie, die berücksichtigt, dass die Fachkräfte und ehrenamtlichen Gruppenhelfer*innen in der Kinder- und Jugendarbeit ständig Kontakten ausgesetzt sind –> Berücksichtigung von Fachkräften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit und ehrenamtliche Gruppenhelfer*innen der Jugendverbandsarbeit in der Impfstrategie des Landes Thüringens zu gleichen Bedingungen wie Erzieher*innen und Lehrer*innen
Erarbeitung eines Konzepts zur Ermöglichung von Maßnahmen der Kinder- und Jugendarbeit in den Osterferien und Sommerferien (sowohl Fahrten als auch Freizeit- und außerschulische Bildungsangebote vor Ort) in Kooperation mit den Vertretungen der Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen
  • Begründung: Der Lockdown und die Schulschließungen haben nicht nur erhebliche Lernrückstände, sondern auch ein hohes Maß an Isolation und psychischer Belastungen für junge Menschen mit sich gebracht. Die Sommerferien können nicht ausschließlich für das Nachholen von Lernrückständen genutzt werden, junge Menschen brauchen Freizeit und Erholung. Unsere Ferienangebote, außerschulischen Bildungsangebote und Fahrten können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, soziale Kontakte zu ermöglichen, wieder eine Tagesstruktur aufzubauen und Orte von Erholung, Bildung und Beteiligung junger Menschen auch unter Covid-19 sein.
  • Hier braucht es außerdem ein klares Konzept für den Bereich Internationale Jugendbegegnungen

Wir appellieren an die Landesregierung Thüringen, den Thüringer Orientierungsrahmen und den Stufenplan Corona-Maßnahmen schnellstmöglich um eine Strategie für die Kinder- und Jugendarbeit zu ergänzen.

Gerne stehen wir mit unseren Erfahrungswerten der letzten Monate, unseren Einblicken in die Situation von Kindern und Jugendlichen unter Covid-19 und unserem fachpädagogischen Wissen bei der Erarbeitung einer solchen Strategie und eines Stufenplans unterstützend zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

einige Mitglieder der AG Örtliche Jugendringe Thüringens
  • Kreisjugendring Nordhausen
  • Stadtjugendring Erfurt
  • Stadtjugendring Gera
  • Kreisjugendring Gotha
  • Netzwerkstelle Jugendarbeit LK Greiz
  • Kreisjugendring Ilmkreis
  • Demokratischer Jugendring Jena
  • Kreisjugendring Altenburger Land

1 In einigen Kommunen und Landkreisen sind die Einrichtungen seit Dezember aufgrund lokaler Regelungen geschlossen. Jedoch ist auch hier eine baldige Wiedereröffnung bei weiteren Lockerungen des aktuellen Lockdowns zu erwarten.

2 In einem Schreiben des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport an die Jugendämter vom 08. Februar 2021 wird informiert, dass die Kosten der Testung für PoC –Antigen-Schnelltests bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendarbeit unter bestimmten Bedingungen über die Sachkosten abgerechnet werden können. Wir begrüßen es, dass in dieser Frage Klarheit geschaffen wurde. Wöchentliche Tests wie sie etwa bei Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Jugendsozialarbeiter*innen möglich sind, können über die bestehenden Sachkosten jedoch nicht dauerhaft finanziert werden und stellen eine zusätzliche finanzielle Belastung der Träger und Verbände dar. Auch gibt es keine Regelung zu ehrenamtlichen Gruppenleiter*innen und die Organisation der Durchführung der Tests wird den Trägern individuell überlassen.



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